Hacktour 3/25: Gartenbaukino
Am 10. Oktober 2025 begrüßte uns Norman Shetler in seiner Funktion als Geschäftsführer und Programmverantwortlicher des Gartenbaukinos an der Kinotür. Nach einem kurzen Exkurs über die Entstehung des Kinos (nachzulesen auf der Webseite des Gartenbaukinos) und einem Lokalaugenschein außen wurden wir ins Foyer geführt, wo wir bereits die Ergebnisse der kürzlich erfolgten Renovierung begutachten durften.
Im Jahr 1960 wurde das Gartenbaukino eröffnet, damals mit einem Besuch von Kirk Douglas im Rahmen der Premiere von Spartacus. Im Jahr 2001 wurde das Gartenbaukino durch die Viennale übernommen und 2018 unter Denkmalschutz gestellt. Damit wurde einerseits ein wichtiger Schritt für die Erhaltung des historischen Kinos gesetzt und andererseits der Weg für die 2021 erfolgte Renovierung bereitet.
Vor der Renovierung war das im Stil der Nachkriegsmoderne eingerichtete Kino in einem Zustand, wo es laut Norman wichtig war, zu wissen, „wo man hintreten muss, damit die Lüftung angeht“. Die Renovierung hatte daher den Zweck, das Kino mit neuer Lüftung, Klimaanlage und Elektrik auf den technisch neuen Stand zu bringen, sollte aber die Grundstimmung aus dem Jahr 1960 erhalten bzw. wiederherstellen.
Relikte aus vergangenen Zeiten finden sich überall. Über dem Kassenbereich hängt an einer in unterschiedlichen Farben gefliesten Wand ein Leuchtschild mit fünf Zeilen:
- Es läuft
- Modenschau
- Wochenschau
- Beiprogramm
- Hauptfilm
Besonders interessant dabei ist natürlich die Modenschau, die es im Gartenbaukino von Beginn an gab. Die großen Modehäuser der damaligen Zeit ließen ihre Kleidung von zumeist fünf Models vorführen, die von einem Conferencier anmoderiert wurden. Diese Modenschauen waren offenbar ein Unikum in Wien.
Eine Treppe hinab sehen wir ins Foyer, dessen hohe Decke von zwei Säulen getragen wird. Über dem Barbereich gibt es eine Galerie mit weiteren Sitzplätzen, dort findet sich auch eine Glasvitrine mit interessanten Ausstellungstücken und hinter einer nahezu unsichtbaren Tür in der Wand eine besondere Entdeckung der Renovierung: Beim Abtragen der Wandbeläge der vergangenen Jahrzehnte wurde ein Original-Spartacus-Plakat entdeckt! Es ist erstaunlich, dass es unter diesen Umständen die Zeit überdauert hat und zeugt heute hinter einer Glasscheibe von der langen Geschichte des Kinos.
Ein Blickfang im Foyer sind die Lampen an den Säulen, deren zahlreiche Arme sich wie organisch der Decke entgegen strecken. Die Lampen wurden nach Fotos gestaltet, die Deckenplatten im Foyer sind nach dem Original nachgebaut. Die Decke über der Bar ziert ein geschwungenes Muster in Grau- und Gelb-Tönen, das ebenfalls anhand von Fotos rekonstruiert wurde. Deutlich erkennbar ist die historische Gestaltung auch in den Toilettenräumen, die mit zeitgemäßem Fliesendesign und Schminkspiegeln auf dem Damen WC ausgestattet sind. Ins Auge fallen der interessierten Beobachterin auch immer wieder die Schriftzüge, die beispielsweise auf den Eingang zum Kinosaal oder das geltende Rauchverbot hinweisen. Sie sind in unterschiedlichen, zur Zeit passenden Schriftarten gehalten und fügen sich erfreulich in das Gesamtbild ein.
Zentral für die Rekonstruktion waren die Architekturfotografien von Lucca Chmel, auf denen das von Dipl. Arch. Robert Kotas erbaute Gartenbaukino in seinem ursprünglichen Zustand abgebildet war.
Kotas war zu gleichen Teilen künstlerischer Ästhet, kritischer Bauherr und begeisterter Techniker. In seinen Bauten legte er großen Wert auf die nahtlose Verschmelzung kinotechnischer Innovation (Cinemascope, 70mm, Cinerama etc.), klassischer Elemente der Kinoarchitektur, Lichtführung und Farbgebung sowie der Verwendung moderner Baustoffe. (gartenbaukino.wordpress.com)
Im neu gestalteten Kinosaal sehen wir eine kurze Diashow mit historischen Bildern, zu denen uns Norman noch mehr von der Renovierung erzählt. Sowohl das Budget von 3,3 Millionen Euro als auch der Bauplan wurden nahezu eingehalten, was bei historischen Gebäuden, wo oft Unerwartetes zutage befördert wird, eher selten ist. Die Stadt Wien stellte 2 Millionen Euro für das Budget zur Verfügung, 600.000 Euro kamen vom Bundesdenkmalamt, die VdFS (Verwertungsgesellschaft der Filmschaffenden) steuerte 150.000 Euro bei. Kleinere Beiträge kamen von anderen Spender:innen oder Institutionen. Für das verbliebene Budgetloch wurden mittels Crowdfunding etwa Sitzplatzpatenschaften vergeben.
Im Technik-Raum mit Blick auf den Kinosaal ist es warm und laut. Mehrere Film-Projektoren sind Richtung Kinoleinwand ausgerichtet. Norman erzählt uns von dem besonderen Breitwand-Filmformat Cinerama, das damals mit 3 Kameras gleichzeitig gefilmt und auf einer stark gekrümmten Leinwand abgespielt wurde.
Ein Highlight sind die beiden 70mm-Projektoren der Reihe Philips DP70 mit den Seriennummern 2032 und 2038. Diese kommen im Gartenbaukino immer wieder zum Einsatz (gespielt wird etwa 2001: Odyssey im Weltraum). Norman erzählt von den frühen 70mm-Filmen, die Magnetton direkt auf dem Filmstreifen mitcodierten: „Das hat eine Wuchtigkeit“, die der heutige digitale Ton nicht hat. Eine andere Möglichkeit der Tonaufzeichnung direkt auf dem Filmstreifen ist das Lichttonverfahren, das aber vermutlich bei 70mm-Film nie eingesetzt wurde. Diese Projektoren sind mit einer Wasserkühlung ausgestattet. Funktioniert diese nicht, wird der Film zu heiß, was zuerst komisch riecht und in weiterer Folgen natürlich den Film beschädigt. Norman: „Wenn das ein ausgeborgter Film aus dem Archiv war, wird dir das Archiv nachher keinen mehr geben.“
Die Begeisterung, mit der uns Norman von Geschichte, Renovierung und Technik des Kinos erzählt, ist auch im Gebäude und dem Kinoprogramm spürbar. Außerhalb des Viennale-Programms werden sowohl aktuelle Filme als auch Klassiker gezeigt, immer wieder gibt es Themenschwerpunkte. Traditionell wird übrigens ein sehr alter, sehr langer Film als „Schinken“ angekündigt (Foto von MacLemon, 2016).
Wir bedanken uns herzlich bei Norman Shetler für die spannende Führung! Führungen im Gartenbaukino finden unregelmäßig statt. Das Foyer und den Kinosaal könnt ihr natürlich bei einem Kinobesuch besichtigen. Für Kinofans gibt es das nonstop-Abo: unbegrenzt Kino um 22 Euro im Monat.









